Medizintechnik – vom Handwerk zu Hightech

Findige Westschweizer Messerschmiede, praktisch veranlagte Berner Chirurgen und das Präzisionshandwerk der Schweizer Uhrmacher sind nur drei von zahlreichen Traditionslinien der modernen Medizintechnik. Ab den 1950er Jahren entstehen in den Regionen Grenchen-Solothurn und Zürich wichtige Kristallisationspunkte, aus denen seither ein innovativer Zweig der produzierenden Industrie herangewachsen ist. Heute ist die Schweizer Medizintechnik Teil einer global agierenden, hochkompetitiven Hightech-Branche.

1595

Bild: Chirurg Wilhelm Fabry, Künstler: Bartholomäus Sarburgh (zugeschrieben)
Quelle: Institut für Medizingeschichte der Uni Bern

Der im Waadtland und in Bern tätige Chirurg Wilhelm Fabry entwickelt ein Gerät zur Operation eines Augentumors und weitere chirurgische Instrumente. Fabry gilt damit als Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie.

1780

Der Waadtländer Mediziner Jean-André Venel gründet in Orbe (VD) die erste Orthopädieklinik weltweit. Er entwickelt Korsette und Beinschienen zur Behandlung von Rückgratverkrümmungen und Klumpfüssen. 

1820

Bild: Joseph-Frédéric-Benoît Charrière, Messerschmied und Instrumente-Entwickler
Quelle: European Urology, Volume 43, Issue 3, Pages 320-322

Der gelernte Messerschmied Joseph-Frédéric-Benoît Charrière wandert vom freiburgischen Cerniat nach Frankreich aus und betreibt dort eine Firma, die – unter anderem Dank Einsatz neu entwickelter Materialien wie Neusilber, rostfreiem Stahl und Gummi – eine grosse Zahl chirurgischer Instrumente und Apparate herstellt.

1872

Bild: Theodor Kocher, Fotograf: Bieber
Quelle: Institut für Medizingeschichte der Uni Bern

Theodor Kocher wird Direktor der chirurgischen Klinik am Berner Inselspital. Der spätere Nobelpreisträger erfindet chirurgische Instrumente wie die bis heute nach ihm benannte Arterienklemme, Narkosemasken, Magen- und Darmzangen sowie Kropfsonden.

1902

Bild: Hermann Sahli, Fotograf: F. Henn
Quelle: Institut für Medizingeschichte der Uni Bern

Hermann Sahli, Direktor der Medizinischen Klinik am Inselspital, stellt am Internistenkongress in Wiesbaden ein verbessertes Hämometer zur Bestimmung des Blutfarbstoffes vor, das in den folgenden Jahrzehnten weltweit Verbreitung findet.

1906

Bild: Abbildung Ophthalmometer
Quelle: Survey of Ophthalmology, Volume 55, Issue 5, Pages 481-497

Der Tüftler Alfred Streit konstruiert in der mechanischen Werkstätte Hermann & Pfister ein verbessertes, elektrisch beleuchtetes Ophthalmometer, mit dem sich Hornhautkrümmung und Brechkraft bestimmen lässt. Es ist eines der Geräte, das den Weg zur heutigen Unternehmensgruppe Haag-Streit Holding AG (Köniz/BE) geebnet hat.

1914

Bild: Berner Arzt Fritz de Quervain, Fotograf: A. Teichmann
Quelle: Institut für Medizingeschichte der Uni Bern

Ein mobiler Operationstisch gewinnt den Grand Prix an der Weltausstellung in Paris, den der Berner Arzt Fritz de Quervain mit entwickelt hat. Die Operationstische begründen zusammen mit Sterilisationsanlagen für Spitäler den Erfolg der noch heute bestehenden Schaerer Medical AG (Münsingen/BE).

1947

Bild: Schematische Darstellung Gehörgang
Quelle: Shutterstock

Gründung der AG für Elektroakustik in Zürich unter Beteiligung des gelernten Kaufmanns Ernst Rihs. Die Firma entwickelt verschiedene Generationen von Hörgeräten und wächst in den 1960er und 1970er Jahren stark und firmiert seit 1977 als Phonak. Sie ist heute Teil der Sonova Holding AG in Stäfa (ZH), der weltweit grössten Herstellerin von Hörsystemen.

1954

Bild: Straumann Werkstatt in Waldenburg in den 1950ern
Quelle: Institut Straumann AG

Reinhard Straumann gründet in Waldenburg (BL) ein nach ihm benanntes Forschungsinstitut. Dank seines Know-hows bei nichtkorrodierenden Legierungen wird das Unternehmen später zuerst zu einem führenden Hersteller von Osteosynthese-Implantaten – und ab 1990 dann zu einer Spezialistin für Dentalimplantologie (Straumann Holding AG, Basel).

1958

Bild: Ärzte der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen
Quelle: Copyright by AO Foundation, Switzerland

Eine Gruppe von Chirurgen gründet die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO) mit dem Ziel, Knochenfrakturen künftig operativ mit Implantaten zu versorgen (statt mit Gips und Streckbehandlung). Die AO gibt – unter anderem durch die Zusammenarbeit mit dem Unternehmer Robert Mathys aus Bettlach (SO) – wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Schweizer Medizintechnik.

1967

Bild: Chirurg Maurice E. Müller, Fotograf: Peter Friedli
Quelle: Institut für Medizingeschichte der Uni Bern

Der Chirurg Maurice E. Müller gründet die Protek AG. Mit dieser und weiteren Geschäftsaktivitäten verfolgt er die Weiterentwicklung von Hüftgelenkprothesen. Aus einer Zusammenarbeit mit Sulzer geht das Sulzer-Hüftgelenk hervor, wie es im Volksmund heisst.

1975

Das Nordamerika-Geschäft der Firma Straumann wird unter dem Namen Synthes abgespalten – nur ein Beispiel für die internationale Expansion der Schweizer Medizintechnik, die bereits in den 1960er Jahren Fahrt aufgenommen hatte. Der Berner Hansjörg Wyss macht das Unternehmen zu einem grossen Implantate-Hersteller. 

1977

Bild: Andreas Roland Grüntzig, Arzt, ca. 1978
Quelle: RDB/ullstein via Getty Images

Der deutsche Kardiologe Andreas Grüntzig führt am Universitätsspital Zürich mit einem selbst entwickelten Ballonkatheter erstmals eine Dilatation (Erweiterung) verengter Herzkranzgefässe durch. Die Erfindung wird durch die Firma Schneider auf den Markt gebracht, die 1998 im Boston Scientific-Konzern aufgeht – während der Produktionsstandort in Bülach (ZH) später von der deutschen Kardiologie-Firma Biotronik übernommen wird.

1980

Vier Schweizer Ingenieure gründen die Firma Tecan, die heutige Tecan Group AG in Männedorf (ZH). Sie entwickelt und produziert Laborautomaten für die Anwendung in Biopharma, Forensik und klinische Diagnostik.  

1984

Bild: H-Tron Insulinpumpe Disetronic aus den 1980ern
Quelle: Ypsomed AG

Die Brüder Willy und Peter Michel gründen in Burgdorf (BE) die Firma Disetronic, die unter anderen neuartige Insulinpumpen zur Behandlung von Diabetes entwickelt. 2003 wird das Unternehmen aufgespalten: Der Bereich Infusionssysteme verstärkt im Roche-Konzern die Division Diagnostics, einem führenden Anbieter sogenannter In-vitro-Diagnostika. Aus dem Geschäftsfeld Injektionssysteme entsteht die heutige Ypsomed Holding AG (Burgdorf/BE).

1997

Bild: Röntgenaufnahme von Herzschrittmacher in Brust
Quelle: Richman Photo via Shutterstock

Der Medtronik-Konzern (Dublin/Irland) eröffnet in Tolochenaz (VD) eine Produktionsstätte für implantierbare Herz- und Hirnschrittmacher. Hier wird heute jeder fünfte Herzschrittmacher gebaut, der weltweit implantiert wird. Der Standort – einer von vier in der Schweiz – dient zugleich als europäisches Ausbildungszentrum für Ärztinnen und Ärzte.

2003

Nach einer wechselhaften Geschichte wird das Unternehmen Sulzer Medica von der amerikanischen Zimmer Ltd. übernommen – damit endet ein Stück Schweizer Medizintechnikgeschichte, das 1970 begonnen hatte, als Medizintechnik beim Maschinenkonzern Sulzer zu einer eigenständigen Abteilung geworden war.

2014

Der US-amerikanische Mischkonzern Danaher Corporation übernimmt das schwedisch-schweizerische Zahnimplantate-Herstellerin Nobel-Biocare (Kloten/ZH).

2017

Bild: Logo Schweizer Medizintechnikverband Swiss Medtech
Quelle: Swiss Medtech

Swiss Medtech wird durch Zusammenschluss von zwei Verbänden als Verein mit Sitz in Bern gegründet. Als Branchenverband vertritt er die Interessen der Schweizer Medizintechnikindustrie.

2018

Bild: AVA AG, Sieger Swiss Medtech Award 2018, Fotograf: Peter Mosimann
Quelle: Swiss Medtech

Erstmals wird der mit 50’000 Franken dotierte Swiss Medtech Award vergeben. Gewinnerin ist die Ava AG. Das Zürcher Start-up wird für die Entwicklung eines Fertilitäts-Trackers ausgezeichnet. Donatoren des Awards sind Institut Straumann AG, die Lichtsteiner Stiftung und Ypsomed AG.